Vergiftungsbehandlung

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GRUNDSÄTZLICH: Bei Verdacht auf eine Vergiftung immer!!!!!!!!! die Giftnotrufzentrale und einen Arzt hinzuziehen. Hier werden nur grundlegende Prinzipien beschrieben, aber keine vollständigen Behandlungsstrategien!!!!!!! WICHTIG!!!!!!!!!

Wie gehe ich vor?[Bearbeiten]

1) Entfernen des Giftes: Je nachdem um was für einen Stoff es sich handelt: Fenster auf und Raum verlassen, verschmutzte Kleidung ausziehen und dabei immer den Selbstschutz beachten! Es bringt dem Vergifteten nichts, wenn da noch ein 2. daneben liegt.
2) Vitalfunktionen: Atmung und Kreislauf überwachen. Es kann auch zu Krampfanfällen kommen.
3) Primäre Giftentfernung: sozusagen bevor der Stoff resorbiert wurde:

  • Haut: Spülen mit kaltem Wasser und evtl. Seife
  • Augen: Lange (min 20 min) mit kaltem Wasser ausspülen
  • Magen-Darm-Trakt: Auslösen von Erbrechen (ABER NICHT, wenn es sich um folgende Substanzen handelt (in Klammern steht der Grund warum man hier nicht erbrechen sollte)): Schaumbildner wie Spüli (der Schaum geht in die Lunge), Säuren/Basen (das veräzt den Hals etc noch mehr), bei Benommenheit (Erstickungsgefahr). Bei lipophilen Substanzen sollte man vorher Aktivkohle geben um sie zu binden, anschließend sollte eine Magenspülung durchgeführt werden. Bei Ätzgiften ist viel Wasser trinken und keine Aktivkohle angesagt. Unpolare Lösemittel werden mit einer Gabe Paraffin und einem Abführmittel entfernt.

Je nachdem in welchem Zustand der Vergiftete sich befindet wird ein anderes Verfahren zur Magenentleerung gewählt. Bei vollem Bewusstsein evtl etwas Schläfrigkeit wird Erbrechen vom Arzt mit einer Gabe von Apomorphin oder Ipecacuanhasirup ausgelöst. Ist das Bewusstsein stark eingetrübt, die Vitalfunktionen laufen aber noch, dann wird der Magen gespült. Sind auch die Vitalfunktionen weg, muss erst intubiert werden bevor man den Magen spült.

4) Sekundäre Giftentfernung: Hiermit ist die Beschleunigung der Ausscheidung nach der Resorption gemeint.

  • Flüchtige Stoffe können durch Hyperventilation ausgeschleust werden. Hierfür kann der Arzt Carbogen verabreichen.
  • Polare Stoffe können durch sog. forcierte Diurese und evtl. Veränderung des pH-Wertes des Harns ausgeschleust werden. Liegt schon ein Nierenschaden vor, greift man zur Hämodialyse.
  • Unpolare Stoffe, wie beispielsweise Schmerzmittel oder Pilzgifte, werden durch Hämoperfusion ausgeschleust.
  • Erythrocytenschädigende Stoffe durch eine Blutaustauschtransfusion.
  • Evtl. Unterbrechung des enterhepatischen Kreislaufs durch bestimmte Gegengifte.

Last but not least:
5) Nachbeobachtung

Erläuterung der oben genannten Massnahmen[Bearbeiten]

Forcierte Diurese[Bearbeiten]

Von ca. 180 L Primärharn die täglich produziert werden kommt es in der Niere zu einer Aufkonzentrierung auf ca. 1L Endharn. Die forcierte Diurese versucht das Volumen des Endharns auf ca 12 L zu steigern.
Hierfür wird die Flüssigkeitszufuhr erhöht und gleichzeitig harntreibende Mittel (wie beispielsweise Furosenid) verabreicht. Diese Methode ist auf Substanzen mit einem kleinen Verteilungsvolumen beschränkt. Auch eine gute Wasserlöslichkeit ist ausschlaggebend. Die Verbindungen sollten auch nicht an Blutproteine (z.B. Albumin) gebunden sein.
Man kann zusätzlich noch den pH-Wert des Harns verändern. Normalerweise liegt dieser so zwischen 5 - 7. Eine Steigerung des pH-Wertes erreicht man durch eine Gabe von Natriumhydrogencarbonat, eine Absenkung durch die Gabe von Ascorbinsäure. Diese Strategie ist darauf zurückzuführen, das die Substanzen erst in ionisierter Form effektiv ausgeschleust werden. Es kommt also auf die Dissoziationskonstante der Substanzen an.
Man spricht dann von einer alkalischen oder einer sauren forcierten Diurese.
Alkalische Diurese ist z.B. bei Vergiftungen mit Phenobarbitalen oder Salicylaten sinnvoll.
Psychopharmaka werden bei neutralem pH am besten ausgeschleust.

Eine Voraussetzung für eine forcierte Diurese ist eine gute Nierenfunktion und stabile Herz-Kreiflaufverhältnisse. Bei einer unzureichenden Nierenfunktion kann es zu einer Überwässerung kommen und dies endet dann in einem Lungen- oder Hirnödem.


Bei Vergiftungen mit Lebensgefahr wird auf extrakorporale (=außerhalb des Körpers) Massnahmen zurückgegriffen:

Hämodialyse[Bearbeiten]

Die Gerinnung des Blutes wird durch Medikamente verhindert und aus der Arterie in ein Dialysegerät umgeleitet. Das Gift wird über semipermeable Membran dialysiert und anschließend zurück in die Vene geleitet.
Das Verfahren kann beispielsweise bei kurzkettigen Alkoholen und bei Lithiumvergiftung angewendet werden.

Hämoperfusion[Bearbeiten]

Die Hämoperfusion ist auch für größere Moleküle, wie z.B. porteingebundene Stoffe, anwendbar. Auch hier wird durch Medikamentengabe die Gerinnungsfähigkeit des Blutes unterbunden und beispielsweise über Aktivkohle geleitet. Die Dauer der Perfusion liegt bei 4 - 6 h.
Die Methode wird vor allem bei Vergiftungen mit Psychopharmaka und Digitalispräparaten oder aber bei bestimmten Pflanzenschutzmitteln angewendet.
Ein Nachteil ist die Tatsache, das hier auch "gute" Blutbestandteile wie die Blutplättchen teilweise eliminiert werden.


Behandlung von Metallvergiftungen[Bearbeiten]

Körpereigene Entgiftungsmechanismen[Bearbeiten]

Prinzipiell kann der Körper Metalle auf zwei Arten entgiften. Einerseits die Bindung an Proteine (z.B. Glutathion) oder aber die Immobilisierung in Depotkompartimenten (Haare, Nägel, Zähne).
Auf zellulärer Ebene kann dies auf 3 Wegen geschehen.

1) Internukleare Einlagerung: Die Nichthistonproteine der Kernmatrix sind in der Lage Kupfer und Quecksilber zu binden und zu immobilisieren.
2) Akumulation in Organellen: Hierbei handelt es sich um den Einschluß in Lipidkörperchen oder in sauren lysosomalen Kompartimenten. Es kann auch zur Speicherung in Mitochondrien kommen.
3) Bindung im Cytoplasma: ATP und GSH sind in der Lage Metalle wirksam zu binden. Sie stellen einen wichtigen Entgiftungsmechanismus dar. Auch die Bildung von Metallothionein ist ein Entgiftungsmechanismus. Es ist durch die Anwesenheit von Schwermetallen induzierbar, d.h. es werden verstärkt vom Körper synthetisiert. Metallothinein weist ca. 20 SH-Gruppen auf, welche affin die Metalle Cd, Zn, Hg, Cu, Ag und Sb binden. Für Cadmium ist dies die Hauptspeicherform in der Leber und in den Nieren.

Vergiftungsbehandlung nach einer großen Dosis[Bearbeiten]

Ab einer gewissen Konzentration sind die körperlichen Mechanismen jedoch überfordert und Hilfe muss von außerhalb kommen.
Die Abbildung zeigt einige typische Gegenmittel (Chelatebildner). Chelate sind Komplexe aus mehrwertigen Metallen. Da Metalle sehr gute Komplexbildner sind sind diese eingesetzten Liganden (Chelatoren) hervorragend für eine Entgiftung geeignet.

Eingige der verwendeten Antidote, die bei einer Metallverbindung eingesetzt werden

Bevor genauer auf die einzelnen Gegenmittel eingegangen wird, werden erst mal wichtige Eigenschaften im Allgemeinen erläutert. Was muss also so ein Gegenmittel alles können? Und worauf muss man achten?

Das Antidot benötigt eine ausreichend hohe Affinität zu dem schädlichen Stoff und gleichzeitig eine niedrige Affinität zu körpereigenen Metallen.
Das Antidot muss die Metalle auch in ihren Depots erreichen. Also muss evtl. auch die Blut-Hirn-Schranke überwunden werden. (BAL kann das)
Die gebildeten Komplexe müssen stabil sein, das heißt sie dürfen weder durch Säure oder den Metabolismus gespalten werden.
Ein Komplex muss relativ schnell renal oder biliär (Galle) ausgeschieden werden.
Und last but not least: Der Punkt ist so banal, dass er meistens vergessen wird: Der Ligand darf weder selbst noch als Komplex mit dem Metall giftig sein.

Die Behandlung von Vergiftungen erfolgt nach einer Einteilung der Toxine nach dem HSAB-Prinzip.
Metalle des Typ A stellen harte Säuren dar: Zum Beipiel Fe3+, Al3+, Sr2+, Ce4+, La3+ und In3+.
Der Typ B beinhaltet weiche Säuren wie Hg2+, Au2+, Pd2+ und die Platingruppe. Es gibt naürlich auch ein "zwischendrin", also mittlere Säuren: Cu2+, Zn2+, Pb2+, Cd2+, As3+ gehören zu dieser Gruppe.

Die harten Säuren komplexieren "lieber" harte Basen, also Fluoridionen oder O-haltige Liganden. Sie komplexieren nicht mit Schwefel oder Stickstoff.
Die weichen Säuren komplexieren dageben gerne mit Schwefelverbindungen.

So nach all der Vorrede kommen wir nun zum Wesentlichen:

Dimercaprol auch als British Antilewisit (BAL) bekannt wurde als Gegenmittel für das Kampfgas Lewisit entwickelt. Die Thiolgruppen reagieren aber auch für andere weiche Säuren wie Quecksilber, Blei, Antimon und Bismut. BAL hat den Vorteil, das es die Blut-Hirn-schranke ohne Probleme überwinden und so auch hier wirken kann.
Da BAL schlecht wasserlöslich ist wird es vor Applikation in Öl gelöst. (Übrigens stinkt es wohl wie die Sau). Durch Gabe von BAL bei einer Quecksilbervergiftung steigt die Konzentration des Hg im Hirn kurzzeitig an, da Hg an sich nicht die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Komplexiert mit BAL ist es jedoch dazu in der Lage. Solange BAL im Überschuß vorliegt wird sich das Quecksilber jedoch nicht vom BAL lösen und es entstehen keine Schäden im Gehirn.
D-Penicillamin wird gegen weiche bis mittlere Säuren eingesetzt. V.a. Blei, Kupfer, Cobalt, Quecksilber, Nickel und Zink.
EDTA wird häufig als Natrium-Calcium-Salz eingesetzt um die Calciumspeicher zu schützen. es ist für mittlere und harte Säuren, also Blei, Cadmium, Gold, Mangan und Aluminium, geeignet.
Ein weiters (nicht abgebildetes) Antidot ist Deferoxamin (Summenformel: C25H48N6O8 es eignet sich hervorragend für harte Säuren wie Eisen oder Aluminium.

Was man noch beachten muss: Für jeden Chelatbildner kann man Komplexbildungskonstanten ermitteln. K = , wobei M für das Metall und L für den Liganden steht.
Die Komplexbildungskonstanten in wässriger Lösung sind häufig wesentlich höher als im Körper. Ein Beispiel EDTA-Pb-Komplex:
Kaq = 18 und KKoerper = 6.

Grundsätzlich muss bei einer Vergiftung die Ausscheidung immer überprüft werden (Harn und Kot). Doch die Chelatbildnet haben den Vorteil, dass sie gleichzeitig entgiften und ausscheiden. Andere Substanzen können dies nicht.